Dem Schwurbeln getrotzt?

Gestern zogen wieder Tausende, darunter Rechtsextreme, Verschwörungs-Gläubige, Impfgegner, Coronarelativierer und Demokratiekritiker, durch Berlin, um gegen die vermeintliche Corona-Diktatur zu demonstrieren. Zum Gegenprotest war auch aufgerufen. Unser Mitstreiter Heinz berichtet über eine der Gegendemos:

Ich würde jetzt gerne schreiben: Wir waren viele, sehr viele, sehr, sehr viele, die auf der Straße waren, um sich, der Stadt und dem Land zu zeigen, dass der rechte Rand, die Verschwörungserzähler, die Coronaverleugner, die Impfgegner, Reichsbürger und Aluhüte nur eine kleine Minderheit sind, die ihr Recht auf freie Meinungsäußerung ausüben, aber ansonsten aufgrund der kleinen Zahl keine Gefahr darstellen.

Wir waren nicht viele….

Ich bin nicht gut im Menschen zählen, der Bebelplatz war nur sehr locker gefüllt, wir waren vielleicht 1000, vielleicht auch nur 500, die sich Maske tragend auf dem Bebelplatz vor dem kleinen Transportwagen der Organisatoren versammelt haben. Es war auch nicht die Mitte der Gesellschaft, die sich dort versammelt hat, wenn man mal von den Omas gegen Rechts absieht, sondern hauptsächlich die schwarz gekleidete Berliner Antifa. Auf die Antifa und die Omas ist Verlass! 😉

Eine IG-Metall-Fahne, eine SPD-Fahne, zwei Juso-Fahnen, sonst nix. Keine Grünen, keine Linken, keine CDU und keine FDP, auch sonst war keine der sozial und politisch engagierten zivilgesellschaftlichen Organisationen in nennenswerter Zahl vertreten – zumindest konnte man sie nicht erkennen.

Eine Reihe Polizisten hat uns und den Bebelplatz vor den vorbeiziehenden Anti-Demokraten, Coronaverleugnern und Faschisten mit ihren Reichsflaggen abgeschirmt. Es war nicht ganz klar, ob wir nun geschützt werden sollten oder die zum Brandenburger Tor ziehenden „besorgten Bürger“.

Jeder der Vorbeiziehenden wurde mit Sprechchören empfangen, auch die kamen nicht immer unbedingt aus der Mitte der Gesellschaft, aber gestern war das sehr OK und Ausdruck eines zutiefst emotionalen linken Antifa-Bedürfnisses – man muss ja nicht alles mitsingen…

Auf der anderen Seite viele, leider sehr viele erschreckend normal aussehende Menschen, alle Schichten und Altersklassen. Der dumpfe Nazihooligan war entweder gut getarnt oder in der Minderheit. Wären da nicht die Plakate und Flaggen gewesen, hätte man viele von ihnen – vielleicht auch die Mehrheit – auf der letzten Klimademo verorten können. Es scheint, die braune Pest hat die sozioökonomische Mitte erreicht und ist sehr gut organisiert.

So gegen 12:30 Uhr dann der Aufruf von den Organisatoren, einen Spaziergang zur Friedrichstraße zu machen, um die dortige Gegendemonstration zu unterstützen. Und ab da wurde es wirr.

Plötzlich kam Bewegung in die Polizei, in Nullkommanix waren bis auf einen Ausgang alle Wege durch Polizeiketten versperrt. Auf meine Frage, warum wir jetzt da nicht durch dürfen, hieß es, wir können nur in Richtung Alexanderplatz gehen, sonst nirgendwo hin… Danach gab es ein kleines Katz-und-Maus-Spiel zwischen der ortskundigen Antifa und der Polizei, mit dem Ergebnis, dass wir dann alle auf der Friedrichstraße zwischen U- Bahnhof Französische Straße und U-Bahnhof Stadtmitte festsaßen.

Der Stimmung tat das keinen Abbruch. Erschreckend war, wir kamen nicht raus, aber der Typ mit der Reichsflagge unterm Arm, der durfte rein. Man stelle sich das vor, die Polizei hat zugelassen, dass ein Typ mit Reichsflagge unterm Arm und ohne Maske durch den schwarzen Antifa-Block marschiert; entweder hat die Polizei voll gepennt oder man wollte das Gewaltpotential austesten. Zum Glück ließ sich niemand provozieren, Antifa ist nicht dumm :-), es wurde eine Gasse gebildet und der Mensch wurde unter lautstarken „Nazi, verpiss Dich!“-Rufen unverletzt rausgelassen. Ein Einschreiten der Polizei gegen die Reichsflagge kann ich nicht berichten.

Was sagt ein Polizist, wenn man ihn fragt, warum man jetzt nicht weitergehen darf? Zitat: „Weil wir eine Polizeikette gebildet haben“?!?  Auf meine Nachfrage, warum eine Polizeikette gebildet wurde, wurde mir dann doch der Sachverhalt erläutert. Unser Spaziergang war de facto eine nicht angemeldete Versammlung. Man würde jetzt noch einen Lautsprecherwagen organisieren und dann die Versammlung auflösen…

So kam es dann auch, wir konnten in Zweiergruppen den Platz verlassen. Meine Nichte und ich sind dann in ihren Kiez gelaufen und haben das Geschehene Revue passieren lassen. Frage von meiner Nichte: Was ist da schief gelaufen in unserer Gesellschaft, wie kriegen wir das gedreht?

Ein Gedanke zu „Dem Schwurbeln getrotzt?“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.